Lyle Seitz: Ich teile nicht immer die Meinung bei Sperren oder Checks

Zweiter Teil des Interviews mit Lyle Seitz. Der „Direktor of Hockey Operations“ in der Erste Bank Eishockey Liga spricht dabei über die Arbeit von DOPS und des PSC.
Sportreport: Lassen sie uns über DOPS sprechen. Das System ist seit heuer in Kraft. Viele wissen aber nicht was es ist und was ihre Funktion ist. Für rund die Hälfte sind sie der Verantwortliche, der über die Höhen der Strafen entscheidet – für den anderen Teil sind sie der Supervisor – eine Art Manager – welcher sich um den administrativen Betrieb kümmert und nichts mit der Länge der Sperren zu tun hat. Welche Meinung stimmt?
Lyle Seitz: Ich bin Supervisor. Ich trage die ganzen Spielinformationen zusammen. Alle möglichen Vorfälle, die ein Spiel betreffen. Danach geht es zum „Players Safety Committee“ kurz PSC. Darin sitzen andere europäischen Ligen oder Mitglieder aus der NHL. Sie fällen die Entscheidungen. Der Fairness halber: Natürlich kann ich einen gewissen Input geben. Ich teile nicht die Meinung aller Sperren oder Checks, die ungeahndet bleiben. Meine Meinung zählt hier aber nicht. Es zählt, was das Committee befindet. Ich unterstütze es zu 100 Prozent. Die Stärke ist die Unabhängigkeit.
Hier möchte ich gleich mit dem nächsten Missverständnis aufräumen. „In der NHL oder in anderen Liga hätte dieser Check zu einer Sperre von 10 oder 15 Spielen geführt“. Das entspricht nicht der Wahrheit. Denn im PSC sitzen Verantwortliche aus diesen Ligen. Sie helfen uns in unserer Liga, um die Strafhöhen festzustellen. Auf der Gegenseite helfe ich in den anderen Nationen bei ihren strittigen Situationen. Ich weiß genau, was in den anderen Ligen abgeht.
Sportreport: Während des Grunddurchgangs mussten sie pro Spieltag sechs Spiele auf potentielle Sperren analysieren. Wie arbeiten sie – wie arbeitet DOPS?
Lyle Seitz: Wir schauen uns jedes Spiel an. Hauptsächlich aber im Schnellvorlauf. Ich bekomme einen Bericht von jedem Spiel. Zum Beispiel ein Spiel hier in Wien: Es gibt einen Supervisor abseits des Eises. Es gibt einen Spieltags-Delegierten. Dazu kommen die Schiedsrichter und die Linesmen. Ich bekomme von allen einen Bericht. Auf dem halben Weg von Wien (Anm.: Das Gespräch fand vor dem dritten Spiel in der Serie Vienna Capitals vs. Orli Znojmo statt) nach Hause habe ich bereits alle Reports. Dann können wir alle Teile des Puzzles zusammensetzen. Wir starten nicht am nächsten Tag. Wir arbeiten an einem Spieltag bis spät in die Nacht. In unserem Büro haben wir den „Situation-Room“ mit allen Kameras. Wenn ich nach dem Spiel in Wien daheim bin, liegen mir schon rund 30 Clips vor. Um sieben Uhr früh beginnen wir mit der Analyse der Spiele.
Sportreport: Sie verfügen als Schiedsrichter über extrem viel Erfahrung aus ihrer Zeit in der NHL und in den Minors. Gibt es einen Prozentsatz, wo sie mit der Höhe der Sperren übereinstimmen bzw. wo sie anderer Meinung sind?
Lyle Seitz: Nach einem Spieltag wie den Viertelfinal-Playoffs schauen wir uns etwa 50 Clips an. Da wäre es unfair und unsachlich, wenn ich einen Prozentsatz nennen würde. Auch weil er von Spieltag zu Spieltag unterschiedlich ist.
Sportreport: Wir haben rund 200 Mails bekommen. Ein wichtiger Punkt für unsere Leser war der Respekt zwischen den Spielern auf dem Eis und auch gegenüber dem Spiel. Wie sehen sie diesen Punkt?
Lyle Seitz: In Wahrheit ist es das Hauptthema. Es ist in Wahrheit egal was DOPS, die Schiedsrichter, PSC oder die Liga tun. Wenn die Spieler keinen Respekt gegenüber dem Gegner, sich selbst und dem Spiel haben kann man nichts dagegen tun. Entscheidend ist, wie wir den Respekt in die Spieler zurückbekommen die keinen haben. Ich schere jetzt die Spieler nicht über einen Kamm. Die überwiegende Mehrheit hat großen Respekt für das Spiel.
Sportreport: Verletzungen in Sperren war ein großes Thema. Im Vergleich zu anderen Ligen scheint, als wären sie nur ein Randthema. Ein Eindruck der täuscht? In der NHL wird bei der Bekanntgabe einer Sperre immer auf eine Verletzung hingewiesen.
Lyle Seitz: Eine Verletzung bildet nicht den Hauptteil einer Sperre. Dasselbe gilt für die NHL. Wenn es zu einer Verletzung kommt ist es ein wichtiges Thema für DOPS. Das PSC bedeutet übersetzt Spielersicherheit und nicht Committee zum Sperren der Spieler. Unser Ziel ist es, das Spiel sicherer für die Spieler zu machen. Das ist der Schlüssel zu diesem Thema.
Verletzungen sind ein wichtiges Thema. Wie können wir sie verhindern. Wir blicken auf alle Dinge wie Checks. Wir werden Checks nicht verbieten. Es ist ein wichtiger Teil des Spiels. Wir werden aber in der kommenden Saison in diesem Punkt strikter vorgehen. Um drei Schritte nach vorne zu gehen darf man nicht einen halben zurück machen.
Lassen sie uns über Checks gegen den Kopf sprechen weil es ein Hauptgesprächspunkt ist und dabei die meisten Verletzungen passieren. Die Leute mögen Checks. Jeder blickt aber nur auf die Person die den Check ausführt. Aber es wird übersehen, dass die Person, die gecheckt wird, auf dem Eis auch eine Verantwortung hat. Also haben beide eine Verantwortung zu erfüllen. Natürlich hat der Spieler der den Check ausführt die Hauptverantwortung. Aber auch der Spieler der den Check einsteckt hat eine wichtige Rolle.
In diesen Situationen – aus Sicht des PSC oder DOPS – blicken wir auf die Verantwortungen. Warum hat die Person den Check ausgeführt. Warum hat sich die Person verletzt. Wir blicken auf alle Aspekte des Checks – nicht nur auf den Spieler der den Check ausführt.
Sportreport: Der Check des Grazers Lefebvre gegen Gratton war ebenfalls ein großes Thema. Viele Leser konnten nicht verstehen, warum ein Check mit Verletzungsfolge nur zu einer Sperre von zwei Spielen führte.
Lyle Seitz: Blicken wir hier auf die Fakten. Gratton ist mit dem Puck tief in die Zone der Grazer gefahren. Er hat nie seine Richtung geändert. Lefebvre ist – lass es uns so sagen – von der anderen Seite des Netzes gekommen. Gratton hat einen „drop pass“ gespielt. Er war nicht für alle sichtbar auf dem Eis. Gratton hat den Puck auf dem Eis liegen gelassen. Am Video war es sehr einfach zu sehen, dass er den Puck nicht mehr hatte. Die ersten zwei, drei Male mussten wir auch genauer hinsehen. Auch ich konnte nicht zu 100 Prozent sagen, ob er den Puck hatte oder nicht. Wie gesagt, er hat den Puck liegen gelassen. Gratton ist dann weiter gefahren und wurde von Lefebvre gecheckt. Es wäre eine völlig andere Situation gewesen, hätte er einen „sichtbaren Pass“ gespielt. Das war nicht der Fall.
Zweiter Punkt: Lefebvre hat keinen Check gegen Kopf gefahren oder ist mit dem Ellenbogen voran in den Gegenspieler. Er war spät bei seinem Check, weil Gratton einen „drop pass“ gespielt hat. Das war auch der Grund warum er gesperrt wurde.
Zu den Fakten: Gratton hat sich dabei eine Knieverletzung zugezogen. Es ist nicht sein Kopf. War der Check sauber? Nein! Er war schmutzig! Es wäre aber ein sauberer Check gewesen, wenn Gratton den Puck gehabt hätte. Das ist der Unterschied in dieser Situation. Ich verstehe die Leute, die eine höhere Sperre fordern. Es gibt aber auch andere Stimmen zu diesem Check.
Ich sitze in der Mitte und bin eine Art Richter und Geschworener. Ich höre immer jedem zu. Mir wurde vom NHL-DOPS gesagt, wenn beide Teams sauer auf dich sind hast du die richtige Entscheidung gemacht. In den letzten beiden Wochen war jeder sauer auf uns. Auf diesem verrückten Weg bekomme ich das Feedback, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen.
Sportreport: Wie sieht es mit den Geldstrafen aus. Handelt es sich dabei um eine Art Ersatz für die Verfahrenskosten?
Lyle Seitz: Das ist eine gute Frage! Hierbei handelt es sich um den Strafenkatalog der Liga. Jede Sperre hat eine gewisse Geldstrafe. Wir sind die letzte Liga die Geldstrafen eingeführt hat und sie sind am äußersten unteren Rand angesetzt im Vergleich zu anderen Ländern. Warum wir Geldstrafen eingeführt haben ist simpel. In manchen Situationen konnte man den Eindruck gewinnen, dass Spieler bei einer Sperre von zehn Spielen eine Art „bezahlten Urlaub“ erhalten haben. In unserer Liga ist das System anders als zum Beispiel in der NHL.
Die Präsidenten haben vor der Saison über den Strafenkatalog abgestimmt. Ich bin nicht der Mensch der sagt: “Hey, jetzt muss er einen bestimmten Betrag bezahlen”. Der Strafenkatalog wurde angenommen und wird bei jedem Vergehen angewendet.
Sportreport: Wäre ein Wechsel in das nordamerikanische System für sie eine Option?
Lyle Seitz: Das müssen unsere Präsidenten entscheiden. Ich persönlich glaube, dass jedes System Vorteile hat und jedes Nachteile.
Sportreport: Fans und Experten fordern längere Sperren. Wie sieht ihre Meinung aus?
Lyle Seitz: Der internationale Trend geht in eine andere Richtung. Auch in Ligen wie der NHL. In unserer Liga ist es auch eine Frage des Systems. Wie bereits erwähnt konnte man den Eindruck gewinnen, dass Spieler bei einer Sperre von zehn Spielen eine Art „bezahlten Urlaub“ erhalten haben.
Link:
Zum Teil 1: Lyle Seitz: Ich bin mit der bisherigen Saison sehr glücklich
Zum Teil 3: Die Teams sollten in sicheres Equipment investieren
06.03.2013





