LMP1-Vorschau FIA Langstrecken-Weltmeisterschaft in Silverstone - Hochspannung vor dem ersten Duell

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Am kommenden Wochenende, 14.-16. April, startet das Porsche LMP Team zum ersten von neun Läufen der FIA Langstrecken-Weltmeisterschaft 2017. Das Sechsstundenrennen auf dem britischen Traditionskurs in Silverstone wird das erste Duell der weiterentwickelten Porsche 919 Hybrid mit den aktuellen Toyota TS050 Hybrid. Porsche, Weltmeister und Le-Mans-Sieger von 2015 und 2016, will erneut beide Titel verteidigen. In England rechnet das Team mit einem schwierigen Auftakt. Denn zugunsten der Aerodynamik-Auslegung für die gesamte Saison wird der Porsche 919 Hybrid in Northamptonshire mit weniger Abtrieb antreten als für die schnellen Kurven des anspruchsvollen Grand-Prix-Kurses wünschenswert wäre.

Der mit Hochspannung erwartete Start des 27 Sportwagen und Prototypen zählenden Feldes erfolgt am Sonntag um 12:00 Uhr Ortszeit auf dem 5,9 km langen Formel-1-Kurs. Das Rennen kann via Internet überall auf der Welt live verfolgt werden.

Der Porsche 919 Hybrid wurde für die WM 2017 umfassend überarbeitet. 60 bis 70 Prozent des Le-Mans-Prototyps sind Neuentwicklungen. Sie betreffen vorrangig die Bereiche Aerodynamik, Fahrwerk und Verbrennungsmotor. Das Antriebsprinzip des innovativen Hybrid-Rennwagens wurde beibehalten: Er entwickelt rund 900 PS (662 kW) Systemleistung aus einem kompakten Zweiliter-V4-Turbobenziner (knapp 500 PS/368 kW) in Kombination mit zwei verschiedenen Rückgewinnungssystemen – Bremsenergie von der Vorderachse und Abgasenergie. Während der Verbrenner die Hinterachse antreibt, wirkt beim Boosten ein E-Motor mit über 400 PS (294 kW) an der Vorderachse. Als Zwischenspeicher für den aus Brems- und Abgasenergie gewonnenen elektrischen Strom dient eine flüssigkeitsgekühlte Lithium-Ionen-Batterie.

Der neu aufgestellte Fahrerkader der Porsche-LMP1-Werkspiloten hat sich bei den Wintertestfahrten sowie beim Prolog der WEC in Monza (IT) bereits gut in Szene gesetzt. Der amtierende Weltmeister Neel Jani (CH) geht mit der Startnummer 1 ins Rennen und wechselt sich mit dem Briten Nick Tandy und Porsche-Neuzugang André Lotterer (DE) ab. Das Schwesterauto mit der Nummer 2 teilen sich die beiden Neuseeländer Earl Bamber und Brendon Hartley mit Timo Bernhard (DE).

Das Porsche LMP Team vor dem Saisonauftakt
Fritz Enzinger, Leiter LMP1: „Die Mannschaft hat in den zurückliegenden Wochen und Monaten hervorragende Arbeit geleistet. Jetzt wird es Zeit, dass es endlich losgeht. Der Prolog hat gezeigt, dass der Konkurrenzkampf mit Toyota eine ganz harte Nuss wird. Wir erwarten in Silverstone einen sechsstündigen Sprint.“

Andreas Seidl, Teamchef: „Bezüglich der Standfestigkeit waren wir sowohl mit unserem 30-Stunden-Test in Paul Ricard als auch beim Prolog in Monza zufrieden und fühlen uns für das erste Sechsstundenrennen gut vorbereitet. Bezüglich der Rundenzeiten wird Silverstone aber schwierig. Das Reglement erlaubt in diesem Jahr zur Kosteneinsparung nur noch zwei Aero-Kits pro Saison. Wir haben unsere Ressourcen so eingeteilt, dass wir bis zum dritten WM-Lauf den Fokus auf die Entwicklung und Erprobung der Le-Mans-Aerodynamik legen. Das bedeutet wenig Abtrieb zugunsten eines geringen Luftwiderstands und wird sich in England negativ auswirken. Nach dem 24-Stunden-Rennen im Juni werden wir den 919 für die weiteren WM-Läufe konsequent auf mehr Abtrieb umrüsten. Eine weitere neue Herausforderung ist das reduzierte Reifenkontingent. Zwei Tankfüllungen, also eine Fahrzeit von rund anderthalb Stunden, mit einem Satz Trockenreifen werden die Regel. Das verlangt feinfühliges Haushalten mit den Pneus.“

Fahrer Porsche 919 Hybrid Startnummer 1
Neel Jani (33, Schweiz): „Im vergangenen Jahr haben wir das erste Rennen im Nachhinein am Grünen Tisch gewonnen, aber das war der Auftakt zu einer unglaublichen Saison. Historisch gesehen ist Silverstone nicht unsere stärkste Strecke, und ich sehe uns dort auch in diesem Jahr nicht in der Favoritenrolle. Zumal wir aerodynamisch einen Kompromiss eingehen. Trotzdem wollen wir maximale Punkte.“

André Lotterer (35, Deutschland): „Ich bin 2001 in der englischen Formel-3-Meisterschaft gefahren und habe in Milton Keynes gewohnt, also nicht weit von Silverstone. Auch Formel 1 habe ich dort häufig getestet, und in der WEC schon gewonnen. Die Strecke ist cool. Vor allem die schnelle erste Hälfte der Runde mit den Kurven Copse, Maggotts, Chapel und Stowe hat einen tollen Fluss. Dort werden wir Anpressdruck vermissen, das wird eine besondere Herausforderung. Die Station in England ist auch ganz wichtig für die WEC, denn das Interesse dort ist riesig.“

Nick Tandy (32, Großbritannien): „Für mich wird das ein ganz besonderes Rennwochenende: Erstens, weil es der mit Spannung erwartete Saisonstart ist, zweitens, weil ich diese Rennstrecke liebe und drittens, weil ich nur 50 Kilometer entfernt wohne. Mein Vater reist nicht viel, aber zu diesem Rennen kommt er. Außerdem werden viele Freunde zuschauen. Ich hoffe, wir haben Sonntagabend etwas zu feiern und können den freien Tag am Ostermontag dann so richtig genießen.“

Fahrer Porsche 919 Hybrid Startnummer 2
Earl Bamber (26, Neuseeland): „In Monza hat sich ein enger Wettkampf mit Toyota abgezeichnet. Die Rennstrecke in Silverstone hat aber eine ganz andere Charakteristik. Wir können die Situation erst einschätzen, wenn wir dort die ersten Runden in Le-Mans-Konfiguration gefahren sind. Ich bin bisher nur ein Mal in Silverstone gestartet, aber das war großartig. Ich hatte ein sehr kampfbetontes Rennen im Porsche Mobil 1 Supercup und stand nach einer Aufholjagd auf dem Podium.“

Timo Bernhard (36, Deutschland): „Porsche und Toyota operieren auf demselben hohen Niveau. Auf jeder Rennstrecke kann ein anderer die Nase vorn haben. Dabei spielen die limitierten aerodynamischen Möglichkeiten eine wichtige Rolle. Ich bin sehr gespannt auf Silverstone. Die britischen Fans sind die besten der Welt – sehr enthusiastisch und immer unglaublich gut informiert. In den vergangenen beiden Jahren bin ich im Rennen leider nicht zum Fahren gekommen. 2017 wünsche ich mir einen sauberen Saisonstart und damit einen soliden Grundstein für die WM.“

Brendon Hartley (27, Neuseeland): „Ich kann den Saisonbeginn kaum noch abwarten. Wir hatten technisch einen tollen Test in Monza, und auch als Fahrer-Crew fühlen wir uns gut aufgestellt. Earl hat sich gut eingefügt und war sehr stark in Monza. In Silverstone kann sich das Kräfteverhältnis in der LMP1-Kategorie ganz anders darstellen. Es bleibt abzuwarten, wie stark Toyota ist.“

Zeitplan (Angaben in Ortszeit):
Freitag, 14. April 2017
11:45-13:15 Uhr Freies Training
16:45-18:15 Uhr Freies Training

Samstag, 15. April 2017
09:40-10:40 Uhr Freies Training
13:30-13:50 Uhr Qualifying LMP1 & LMP2

Sonntag, 16. April 2017
12:00-18:00 Uhr Rennen

Die offizielle FIA WEC App ist in der Basis kostenlos und bietet gegen Gebühr eine erweiterte Version inklusive Livestream des kompletten Rennens und Zeitnahme. Der Livestream wird betreut und kommentiert vom FIA WEC TV-Team inklusive der Live-Interviews aus den Boxen.

Zahlen und Fakten:
– Das Effizienzreglement der WEC begrenzt die Energiemenge, die der Porsche 919 Hybrid pro Runde einsetzen darf. In Silverstone sind es 5,37 Megajoule elektrische Energie aus den Rückgewinnungssystemen und 1,504 Kilogramm/2,076 Liter Benzin.
– Bei normalem Rennbetrieb muss der 919 spätestens alle 29 Runden tanken.
– Betankung und Reifenwechsel dürfen nur nacheinander durchgeführt werden. Beim Radwechsel dürfen nur vier Mechaniker gleichzeitig arbeiten. Es darf auch nur ein Schlagschrauber zur Zeit eingesetzt werden. Der Boxenstopp dauert also viel länger als etwa in der Formel 1.
– Fahrerwechsel erfolgen normalerweise, wenn neue Reifen gebraucht werden.
– Die Reifenauswahl umfasst drei unterschiedlich harte Mischungen Slicks für trockene Strecke, einen ebenfalls profillosen Hybrid-Reifen mit weicherer Lauffläche für gemischte Bedingungen sowie Regenreifen. Es stehen vier Sätze Trockenreifen pro Fahrzeug für Qualifying und Rennen zur Verfügung. Das sind zwei Sätze weniger als 2016.
– Eine Runde in Silverstone ist 5,9 Kilometer lang und hat 18 Kurven. Die erste Rennstrecke auf dem ehemaligen Militärflugplatz wurde 1947 eröffnet.

Rückblick:
– 2016 kam der 919 von Neel Jani, Romain Dumas und Marc Lieb als Zweiter ins Ziel. Nach der Disqualifikation des Sieger-Audis erhielt das Porsche-Trio die volle Punktzahl. Jani fuhr die schnellste Rennrunde in 1.40,303 Minuten.
– Der zweite 919 fiel nach Unfall aus: In der 71. Runde war Brendon Hartley in Führung liegend beim Überrunden mit einem GT-Fahrzeug kollidiert.
– Die Qualifikation bestritten Hartley/Mark Webber (Platz 3, 1.54,150 min) sowie und Dumas/Jani (Platz 4, 1.54,266 min) auf abtrocknender Strecke.

Presseinfo Porsche Motorsport

10.04.2017