Austria Wien, Thorsten Fink

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Nach knapp drei Saisonen ist die Zeit von Thorsten Fink als Trainer von Austria Wien beendet. Wer jedoch denkt, dass nun die Probleme der Veilchen gelöst sind der irrt gewaltig. Die sportlichen Kalamitäten lösen diese Personalrochade nicht! Ein Kommentar von Thomas Muck.

Es hat sich abgezeichnet. Einmal mehr war der Trainer das schwächste Glied in der Kette. Wenn es sportlich nicht läuft ist ein Trainerwechsel gefühlt das erste Mittel, zu dem ein Team greift. Die Ursachen für die sportliche Krise und den Abstieg von Austria Wien sind hausgemacht und liegen schon seit langer Zeit offensichtlich auf dem Tisch. In puncto „Problembehebung“ haben sich die Verantwortlichen kein gutes Zeugnis ausgestellt. Werfen wir mal einen Punkt auf diese Aspekte.

Kaderzusammenstellung: Qualitätsverluste nie gleichwertig ersetzt – Quantität nach Mannschatsteilen richtig verteilt?
In der abgelaufenen Transferperiode gab es bei Austria Wien einen prominenten Abgang. Ismael Tajouri verließ die Veilchen in Richtung MLS. Wie ersetzte man einen erfahrenen Bundesliga-Spieler? Der 21-Jährige Manprit Sarkaria soll die sprichwörtliche Kohlen aus dem Feuer holen und hoffentlich in der Bundesliga bestehen. So weit so gut! Sarkaria war bisher fester Bestandteil der zweiten Mannschaft. Ob seine sportlichen Qualitäten reichen, um auf höchsten Niveau zu bestehen ist unklar und werden erst die nächsten Monate (Jahre?) zeigen. Diese Personalentscheidung zeigt jedoch einen Kardinalsfehler. Man kann nicht ständig Spieler von hoher Qualität abgeben und diese mit Akteuren die „vielleicht mal so gut werden“ ersetzen. Austria Wien hätte auf zumindest zwei Positionen im Wintertransferfenster frischen Input benötigt. Er blieb aus. Warum? Sind die finanziellen Ressourcen schlicht und ergreifend aufgebraucht oder hatte der Sportdirektor keinen „Plan B“?

Der Offensive hätte eine Blutauffrischung gutgetan. In einer Problemzone des Herbstes ist nun Überangebot. Stangl wurde geliehen und somit ist Salamon wieder zweite Wahl. Madl wurde fix verpflichtet und Teamspieler Klein kehrt nach langfristiger Verletzung zurück. Stronati kehrt nach seiner Leihe zurück nach Wien. Im Abwehrzentrum stehen nun mit Madl, Stronati, Kadiri, Ruan, Borkovic und dem wohl noch länger verletzten Westermann gleich sechs (!) Innenverteidiger unter Vertrag. Wurde auf der einen Seite „falsch gespart“, gibt es auf der anderen Seite ein Überangebot welches finanzielle Ressourcen „vernichtet“? Berechtigte fachliche Zweifel was die Zusammenstellung des Kaders betrifft scheinen angebrachter denn je!

Sportdirektor Wohlfahrt: Wirtschaftlich limitiert, sportlich „überschaubar erfolgreich“
Der Job des Sportdirektors/Sportvorstand bei einem Fußballteam ist nicht einfach. Im Erfolgsfall stehen Trainer und Spieler im Mittelpunkt. Bleiben die positiven Momente aus, wird die Arbeit kritisch hinterfragt und analysiert. Im Fall von Franz Wohlfahrt fällt das Zwischenfazit „durchwachsen“ aus.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Austria in den letzten beiden Jahren finanziell sparen musste. Die Bauarbeiten rund um die Generali-Arena, die Anmietung des Ernst-Happel-Stadion und die Einmietung in Steinbrunn kosteten Geld. Gerüchten zu Folge soll der Etat der Kampfmannschaft um 20 Prozent gekürzt worden sein. Eine Zahl, die als Außenstehender nicht wirklich recherchiert werden kann.

Ein altes Sprichwort sagt, dass „Not erfinderisch“ macht. In der jüngeren Vergangenheit war dies schon ein Mal der Fall. Der Vorgänger von Franz Wohlfahrt Thomas Parits sorgte mit einer Strategie, Geschick und auch dem notwendigen Portion Glück nach dem Ende der „Magna“-Ära für einen Boom. In dieser Phase spielten als Bsp. Junuzovic, Baumgartlinger aber auch Mitteleldstratege Acimovic für den Verein. Wovon der ehemalige Geldgeber Frank Stronach träumte, machte Parits nach seinem Ausstieg wahr. Austria Wien war ein junges, hungriges Team welches Spaß verbreitete.

Was tat sich bisher unter Franz Wohlfahrt? Spieler mit viel Qualität gingen – Perspektivspieler kamen. Die Abgänge waren und sind kurzfristig kaum zu ersetzen. Vielleicht ist es mittel- oder langfristig möglich. Im Sport zählt aber nur der kurzfristige Erfolg. Dementsprechend „ausbaufähig“ fällt das vorläufige Zeugnis aus. Schwierige Phasen erfordern einen besonderen Plan. Dieser ist weder auf dem ersten noch nach dem zweiten Blick erkennbar. Der Eindruck, dass die Austria aktuell ohne sportliches Konzept vor sich her taumelt konnte der Sportdirektor nicht entkräften.

Ex-Trainer Fink die „lahme Ente“
Das System von Thorsten Fink lässt sich in Wahrheit auf zwei Punkte herunterbrechen. Ballbesitz und schnelles Umschaltspiel. Dafür gab es zwei Schlüsselspieler. Quarterback Holzhauser verteilte die Bälle und zog den Gegner in die Breite. Der seit mehreren Monaten verletzte Grünwald spielte den finalen Pass. Letztgenannter konnte in keiner Phase adäquat ersetzt werden. Hätte hier der Sportdirektor mit dem neuen Spieler seinem Trainer zur Seite springen müssen? Hätte hier der Trainer sein System umstellen müssen? Jein!

Ein System mit Automatismen während der Saison zu ändern ist mit Risiken verbunden. Als Beispiel dafür kann das Thema „Laufwege“ erwähnt werden. Auf der anderen Seite hätte mit intelligenterem Personalmanagement hier mehr Effektivität erzielt werden können. So gesehen schließt sich ein Kreis.

Gefühlt war in den letzten Monaten Ex-Trainer Fink eine „lahme Ente“. Dies ist keinesfalls eine respektlose Bezeichnung. Im US-Sport wird damit der Umstand erklärt, dass man gerne etwas ändern will aber nicht kann. Ein kurzfristiger Systemwechsel wäre sportlicher Selbstmord, viele Spieler sind weit hinter den Erwartungen und junge Spieler konnten ihre Qualität bestenfalls „phasenweise“ abrufen.

Junge Spiele nutzten ihre Chance eindrucksvoll nicht aus
Egal ob es ein Prokop, Borkovic, Blauensteiner oder Gluhakovic war. Sie haben ihre Chancen im Herbst nicht wahrgenommen, sich mit starken Leistungen in der Kampfmannschaft festzuspielen. Noch nie war es so einfach sich als (Nachwuchs-)Spieler aus den eigenen Reihen festzusetzen. Fink war unter diesen Spielern sehr beliebt. Mit inkonstanten Leistungen wurde das Vertrauen zurückgezahlt. Weiters gilt es als an der Stelle auch mit einem österreichischen Phänomen aufzuräumen. Mit 21, 18, 23 und 21 Jahren ist man in Wahrheit kein Talent mehr. Borkovic kann man zwar noch etwas an „Schutzfrist“ erteilen. Steht beim Alter jedoch die 2 vorne ist man sportlich und auch körperlich ausgebildet. Entweder ist man dann „gut genug“ oder eben nicht. Bei vielen aus der sportlich zweiten (Nachwuchs-)Reihe ist wohl die zweite Gruppe „ihre Heimat“.

Eine Stadionbaustelle schießt keine Tore
Rund um den Franz-Horr-Platz 1 in Wien Favoriten entsteht ein Schmuckkästchen. Ja, die Generali Arena wird ein feines (Klein-) Stadion welches vermutlich alle „Stücke“ spielen wird. Aber das Stadion alleine erzielt keine Tore. Ein neues Stadion alleine verkauft mittelfristig keine Eintrittskarten. Investitionen in die Infrastruktur sind gut und wichtig – Jedoch wurde und wird der sportliche Bereich vernachlässigt.

Happel-Stadion sorgt für trostlose Stimmung
Zwei Jahre im „Exil“ des Ernst-Happel-Stadion nähern sich dem Ende. Die Stimmung aktuell ist trostlos. Durchschnittlich verirren sich knapp über 7.000 Zuschauer im veralteten Oval im Wiener Prater. Der Rückgang im Vergleichszeitraum zum Vorjahr liegt bei rund acht Prozent. Bereits seit der Herbstsaison ist eine gewisse „Müdigkeit“ deutlich spürbar. Das Ernst-Happel-Stadion sorgt für eine trostlose Stimmung. Wird dagegen etwas unternommen? Nein! Man versäumte strategisch auch auf die historischen Ereignisse im Happel-Oval zu verweisen. Ein Umstand der zumindest beim „harten Kern“ der Anhänger für ein „Ersatzheimat-Gefühl“ hätte führen können.

Die berechtigte Frage ist wer oder wie Euphorie entfacht werden soll vor der Rückübersiedlung in die Generali-Arena. Ein „neues Stadion“ alleine wird mittelfristig nicht dafür sorgen, dass die Stimmung rund um den Verein positiv ist. Für die Austria wäre es jedoch wünschenswert, wenn man das wenig geliebte Ausweichstadion besser gestern als heute verlassen könnte.

Wege aus der Krise? Nur ein kompletter Neuanfang hilft wirklich weiter!
In praktisch allen Bereichen liegt Austria Wien am sprichwörtlichen Boden. Die Veilchen sind aktuell auf dem siebenten Tabellenplatz. Die Tabelle lügt nicht – Die stolzen Wiener Violetten sind aktuell unterer Durchschnitt in der höchsten österreichischen Spielklasse. Thomas Letsch soll die Veilchen zurück auf die Erfolgsspur führen. Kann er die Wende schaffen?

Berechtigte Zweifel sind angebracht. Zu gewaltig sind die Baustellen, zu groß sind die begangenen Fehler. Um eine Trendwende einzuleiten muss ein kompletter Neuanfang gemacht werden. Folgende Punkte gilt es abzuarbeiten.

Ein durchgehendes sportliches Konzept
Die Blicke im österreichischen Fußball gehen neidisch nach Salzburg. Die Bullen haben „ja das meiste Geld“. In einem Punkt ist der Serienmeister der Konkurrenz um Lichtjahre enteilt. Ein durchgehendes sportliches Konzept. Wenn Spieler A ausfällt, haben wir Spieler B im Kader der ihn ersetzen kann. In der Amateurmannschat gibt es Spieler C, der mittelfristig in diese Rolle schlüpft ohne das die sportliche Qualität leidet. Dies ist bei Austria Wien aber auch bei anderen Vereinen auf den ersten, zweiten und auch auf den dritten Blick nicht erkennbar. Sportdirektor Wohlfahrt ist in diesem Punkt mehr gefordert denn je!!

Weg mit Durchschnitt – Her mit Qualität
Austria Wien ist ein Verein, der sich selbst im höchsten heimischen Qualitätssegment sieht. Hier gilt es festzuhalten, dass zum einen „Qualität“ nicht zum Null-Tarif verfügbar ist. Zusätzlich wurde der Fehler gemacht, dass durchschnittliche Spieler mit überteuerten Gehältern gehalten wurden. Es gilt die Prioritäten richtig zu setzen. Investitionen in Qualität und nicht in Quantität sind gefragt!

Scouting vor der „eigenen Haustüre“ verstärken – Talente hungrig halten
In der erfolgreichen Historie des FK Austria Wien war stets ein Umstand auffällig. Den Veilchen gelang es junge Talente aus der Region zu verpflichten. Diese durchliefen die Nachwuchsabteilung und wurden als „junge Wilde“ Teil der Kampfmannschaft. Dieses Gefühl geht mehr und mehr verloren. Die Qualität des eigenen Nachwuchs und der „sportliche Hunger“ scheint begrenzt. Scheinbar reicht es bereits einen Vertrag in der Kampfmannschaft zu haben. Das sportliche Zeug zum Stammspieler hätten einige, aber scheinbar ist der Wille sich zu „quälen um mehr zu erreichen“ überschaubar.

Legenden sind wichtig – Aber mitentscheiden dürfen sie nicht
Ein Traditionsverein wie die Austria Wien lebt auch von seiner Vergangenheit. Die Wiener Violetten hatten eine glorreiche Vergangenheit und dementsprechend groß ist auch der Kreis der Vereinslegenden. Die Historie sollte man würdigen, aber eine gewisse Mitsprache dürfen auch verdienstvolle Ex-Spieler/Trainer nicht in das Vereinsgeschehen nehmen. Gut informierte Spatzen trällern bekanntlich gerne und die Gerüchte wonach eine kleine Gruppe rund um eine „Legende“ mehr als „nur beratend“ dem Verein zur Seite steht verstummen nicht. Dazu kommt eine außergewöhnlich „sportpolitische Vernetzung“. Beratung auf höchsten Niveau hilft immer. Aber in dieser Konstellation darf dieser Umstand getrost als „nicht wirklich hilfreich“ bezeichnet werden.

Auf die „guten Tippgeber“ hören
Wohl auch aufgrund der eigenen Historie haben die beiden Wiener Großvereine ein Netzwerk an Hinweisgebern. Sei es in sportlicher Hinsicht was einen möglichen Neuzugang angeht oder einen neuen potentiellen Mäzen betrifft. Aus diesen Netzwerken war zuletzt immer häufiger auch Frust zu hören. Die Betreuung von Netzwerken ist in allen Bereichen des Lebens von existenzieller Wichtigkeit. Hat die Austria hier die Zügel schleifen lassen und sich nur noch an den Tippgebern aus dem eigenen Legendenklub konzentriert? Gerüchte die in diese Richtung gingen wollen nicht verstummen.

Die Baustellen bei Austria Wien sind allgegenwärtig. Die Entscheidungen in den nächsten Tagen dürfen getrost als „richtungweisend“ bezeichnet werden. Die Euphorie der „neuen Generali-Arena“ droht zu verpuffen noch bevor sie begonnen hat. Ein Umstand der wohl als großes Warnsignal und gewaltiger Warnschuss von den Bug zu deuten ist. Quo vadis, Austria Wien? Auf diese Frage werden die nächsten Wochen eine Antwort geben. Ob er richtig ist, werden die nächsten Monate zeigen.

26.02.2018