Eishockey, Kommentar, Analyse, Vienna Capitals

© Sportreport

Die Saison 2017/18 und somit die Operation Titelverteidigung endete für die Vienna Capitals im Semifinale gegen den HCB Südtirol. Nach fünf Spielen war der Traum vom dritten Meistertitel in der Vereinsgeschichte ausgeträumt. Was waren die Gründe dafür? Eine Analyse von Thomas Muck.

Überlegener Gewinn des Grunddurchgangs, Zittersieg der Pick Round und am Ende die Enttäuschung im Semifinale. Die Vienna Capitals stehen mit leeren Händen da. Die Gründe dafür waren – zum Teil – hausgemacht.

Ungewohnte Defensivfehler
Unter Serge Aubin wandelten sich die Vienna Capitals im sportlichen Bereich. Die Wiener waren eine Mannschaft die zuerst defensiv agierte. Seit der Pick Round schlichen sich ungewohnte Defensivfehler ein, die man nicht abstellen konnte. So wurden Spiele verloren, die man nicht hätte verlieren dürfen.

Ausrechenbare Spielweise
Ein Phänomen welches nicht erst erst seit den Play-offs bekannt ist, dass die Vienna Capitals offensiv wie defensiv ausrechenbar wurden. Die Produktivität, Effektivität und auch Überraschungsmomente wurden weniger. Augenscheinlich wurde dieser Trend im Überzahlspiel: Ohne den verletzten Riley Holzapfel und Rafael Rotter fehlten Überraschungsmomente oder auch der Verkehr vor dem gegnerischen Tor. Bereits vor seiner Verletzung wirkte der Nationalspieler geistig müde. Die spielerischen Ideen sprudelten nicht mehr so wie in seiner Glanzphase in dieser Saison. Dazu später mehr…

Vermeidbare Strafen
Die älteste und wohl immer gültige (inoffizielle) Regel ist, dass man auf der Strafbank keine Spiele gewinnt. In den Play-offs 2017/18 nahmen die Vienna Capitals viele Strafen und viele davon waren gefühlt vermeidbar. Wenn das Unterzahlspiel nicht zu 100 Prozent sattelfest ist werden Spiele verloren.

Verletzungspech – Die körperliche Fitness fehlte
In den letzten Spielen fehlten mit Riley Holzapfel (Unterkörper) und Rafael Rotter (kolportiert Oberkörper) wohl die zwei wichtigsten Stürmer der Vienna Capitals. Dazu kam, dass es weitere designierte Leistungsträger gab, die mit Schmerzen und Verletzungen spielten. Hatten die Vienna Capitals in der Vorsaison Glück, so schlug ausgerechnet in der wichtigsten Phase der Saison der Verletzungsteufel besonders hart zu. So gesehen fehlte in der letzten, entscheidenden, Saisonphase die körperliche Fitness.

Zu hohe Erwartungshaltung – Keine „echte Play-off-Stimmung“
Die Meistersaison war aus so vielen Gründen historisch. Der 12:0-Lauf in den Play-offs ist ein Umstand, an dem sich viele Teams auch in der Zukunft messen lassen müssen. Aber genau dieser Umstand und die auch Art und Weise wie die Mannschaft auftrat hat die Erwartungshaltung in allen Bereichen hochschnellen lassen. Diese waren einfach nich mehr erfüllbar. Zwei schlechte Spiele am Stück und schon wurde das Wort „Krise“ leise in den Mund genommen.

In der Meistersaison war im Umfeld der Vienna Capitals große Vorfreude vor den Play-offs zu spüren. Man schrieb zwar Geschichte mit den diversen Rekorden. Trotzdem war man für die breite Öffentlichkeit und viele Experten „Außenseiter“. Ein Umstand, der die Fans „heiß“ auf Eishockey machte. In dieser Saison war vieles anders. Alles andere als souveräne Siege, erneute Rekorde, und ein „Sweep“ in einer Play-off-Serie war eine Enttäuschung. Die Mannschaft konnte trotz einer guten Saison diese viel zu hohen Erwartungshaltungen nie gerecht werden. Die Zugriffszahlen auf Spielberichte und weitere Artikel im Vergleich zum Vorjahr untermauern diese These.

Riley Holzapfel – Trotz durchschnittlicher Saison nicht zu ersetzen
Im zweiten Spiel der Viertelfinal-Serie gegen den HC TWK Innsbruck schlug der Verletzungsteufel bei den Vienna Capitals zu. Riley Holzapfel verletzte sich am Bein und musste die restlichen Spiele seiner Mannschaft von der Ersatzbank als Assistenztrainer ansehen. Der wertvollste Spieler der Meistersaison erreichte in der Spielzeit 2017/18 zwar nicht das dominante Leistungsniveau der Meistersaison – trotzdem war er in Wahrheit nicht zu ersetzen.

Egal ob im Spiel fünf-gegen-fünf oder in den „Special Teams“. Riley Holzapfel war das Hirn der Mannschaft. Er konnte die Scheibe in kritischen Situationen halten und verschaffte seiner Mannschaft Ruhe. Besonders spürbar war seine Abwesenheit im Powerplay. Das Überzahlspiel der Vienna Capitals ohne den Kanadier war gefühlt um eine Klasse schwächer und deutlich ausrechenbarer. Trotz etlicher qualitativ hochwertiger Spieler konnte der Ausfall von Riley Holzapfel sportlich nicht kompensiert werden.

Brandon Buck – Das große sportliche Missverständnis
Bei der Verpflichtung von Brandon Buck waren sich die Experten einig. Serge Aubin hat einen idealen Spieler für sein System. Sehr schnell, technisch stark mit Zug zum Tor und hoher Qualität im Abschluss wurde dem Stürmer attestiert. Qualitäten, die er jedoch selten bis kaum zeigen konnte. Brandon Buck wirkte phasenweise wie ein Fremdkörper. Er fand nie wirklich die erhoffte Chemie mit seinen Mitspielern und brachte auch seine Schnelligkeit praktisch nie auf das Eis. So bleibt Brandon Buck eine der großen Enttäuschungen der Saison 2017/18.

Abgang von MacGregor Sharp – Niemand konnte seine Rolle übernehmen
Spieler wie MacGregor Sharp sind für jede Mannschaft sehr wichtig. Neben ausgezeichneter Defensivarbeit sind Spieler mit seinen Qualitäten auch in der Offensive sehr produktiv. Bereits unmittelbar nach seinem Abgang war sein Verlust kurzfristig noch ersetzbar. Spätestens nach dem Ausfall von Riley Holzapfel hätte man einen Spieler wie MacGregor Sharp dringend benötigt. Rückblickend ist man immer schlauer. Jedoch bezweifelten bereits viele „echte Experten“ beim Abgang des Kanadiers, wie man ihm ersetzen kann. Es ist in Wahrheit nicht mal in Ansätzen gelungen.

Rafael Rotter – Der Top-Scorer, Emotionsmaschine aber in den Play-offs „leergespielt“?
Wenn man über die Saison von Rafael Rotter spricht, kommt man bis zu den letzten Spielen des Grunddurchgangs aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Unter Serge Aubin machte der Wiener einen weiteren Schritt in seiner sportlichen Entwicklung. Wenn man den Flügelstürmer nun als einen kompletten „Power Forward“ bezeichnet, wird es wohl kaum Argumente dagegen geben.

Rafael Rotter war in der Saison 2017/18 emotional ständig im dunkelroten Bereich unterwegs sowie für die Fans (egal welches Lager) das häufig zitierte „gefundene Fressen“. Ohne die bärenstarken Leistungen wäre die Mannschaft wohl weniger erfolgreicher gewesen. Trotzdem gibt einen Punkt, den man anmerken muss. Seit den letzten Spielen in der Pick Round zeigte die Leistungskurve nach unten. Am auffälligsten war dieser Umstand in seiner Paradedisziplin, dem Powerplay. Die Ideen sprudelten nicht mehr wie gewohnt, die Zuspiele wurden deutlich ungenauer und das Timing der Pässe für die Gegenspieler berechenbar. Gerüchte wonach der ÖEHV-Teamspieler seit der Pick Round körperlich angeschlagen spielte können als außenstehender Journalist weder bestätigt noch dementiert werden.

Serge Aubin – Der Meistertrainer fand seinen Lehrmeister
In den zwei Saisonen in Wien hat Serge Aubin als Head Coach der Vienna Capitals seine Fußstapfen hinterlassen. Ausgerechnet in seinen letzten Spielen fand der Kanadier seinen Lehrmeister. Gegen Kai Suikkanen fand er taktisch und personell kein Rezept um die Vorzüge seiner (zum Teil angeschlagenen Schlüssel-) Spieler aufs Eis zu bringen.

Wie bereits erwähnt wurden auch die Impulse von Serge Aubin in Punkto „Überraschungsmoment“ weniger. Aus den letzten Monaten wird der Kanadier lernen und daraus seine Konsequenzen ziehen. Prägende Erfahrungen sammelt man meist mit negativen Erlebnissen. So gesehen hat die Saison 2017/18 aus Serge Aubin einen besseren Trainer gemacht. An seiner Zeit in Wien wird das Aus im Semifinale definitiv keine Delle hinterlassen.

Fazit und Ausblick:
Im Nachhinein ist man bekanntlich immer intelligenter. Rückblickend betrachtet kann man leicht reden. Das Aus im Semifinale hatte viele Gründe. Manche waren hausgemacht, manche haben sich abgezeichnet und manche waren einfach Pech.

Auf General Manager Franz Kalla kommen richtungweisende Tage und Wochen zu. Ein geeigneter Trainer muss gefunden werden, Spielerverträge verlängert werden und die Mannschaft verstärkt werden. Hatte man vor zwei Jahren Zweifel ob er diese Aufgabe stemmen wird so sieht der Ausblick deutlich positiver aus. Dank Serge Aubin hat sich Franz Kalla in vielen Punkten weiterentwickelt. Das Saisonende mag zwar bitter sein, es ist aber eine große Chance. Die Vienna Capitals haben sich in den letzten zwei Jahren in vielen Punkten deutlich weiterentwickelt. Nun gilt es an den richtigen Stellschrauben zu drehen damit der Verein die nächsten Schritte unternimmt. Ob diese genommen werden, sollen die nächsten Monate zeigen. Anders als in so mancher Saison vor der Ära von (Ex-) Trainer Serge Aubin ist der Ausblick in die Zukunft deutlicher positiver.

04.04.2018