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Ralf Muhr im Sportreport-Interview: „Meine Befindlichkeitsschwankungen werden auch mit nach Hause getragen!“

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Erster Teil im Sportreport-Interview mit Austria-Sportdirektor Ralf Muhr. Thema dabei waren u.a. die ersten 300 Tage als technischer Direktor, sein Umgang mit Medien und sozialen Netzwerken, sowie die Emotionen des Jobs im privaten Umfeld.

Sportreport: Glückwunsch Herr Muhr! Sie sind nun seit über 300 Tagen „Technischer Direktor“ und seit knapp 200 Tage Sportdirektor bei der Austria. Wie sieht eigentlich ein „ganz normaler Arbeitstag“ bei Ihnen aus? Was hat sich alles bei Ihnen verändert?
Ralf Muhr: Verändert hat sich sehr viel für mich, obwohl ich schon sehr lange beim Verein bin. Seit 1994 bin ich es in verschiedenen Funktionen. Das neue Aufgabenfeld hat eines mit sich gebracht, dass die Arbeitsprozesse sehr viel intensiver geworden sind. Es gibt viel mehr Gespräche, weil es viel mehr Ebenen gibt die von meiner Arbeit betroffen sind. Auch weil es nicht nur auf den Akademie- und auf den Nachwuchsbereich beschränkt ist. Die Arbeit steht in einem ganz anderen Fokus wie bisher. Das ist die Öffentlichkeit, die mediale Seite aber auch irgendwo das Wohlbefinden eines jeden einzelnen Austria-Mitarbeiters hängt daran, was man am sportlichen Erfolg bei der Kampfmannschaft sieht, klarerweise! Der normale Arbeitstag außerhalb eines Spieles oder eines Wettkampfes schaut so aus, dass ich in der Früh um ca. 8 Uhr meinen Arbeitstag im Büro beginne. Üblicherweise gleich mit den ersten Gesprächen. Das kann mit dem Teammanager oder mit dem Chefscout oder einem Mitglied des Trainerteams oder einem Physiotherapeuten oder einem Mitglied des Reha-Teams sein. Oder auch ein Vorstandsmitglied oder mit einem Präsidenten sein. Das kann auch mit der Medienabteilung sein. Sie sehen, das ist sehr umfangreich! Das geht dann auch dahin, dass es sehr viele organisatorische Dinge gibt, die zu besprechen sind. Es gibt aber auch sehr viele externe Termine. Seien es Sponsorentermine, oder Termine mit Spielerberatern, Kooperationspartnern, die auch verschiedene Aspekte betreffen. Das können aber auch Scouting-Themen in Afrika bis zu Infrastruktur-Themen in Wien-Favoriten. Kooperationsmöglichkeiten mit möglichen anderen Vereinen auf verschiedensten Ebenen wo man zusammenarbeitet. Es ist so, dass es nicht langweilig wird. Man muss ein offenes Ohr für alles haben. Man sollte immer die Tagesaktualität, so schwer es auch ist, weil es ein hoch emotionales Ding ist in dem wir ins bewegen, nicht außer Acht lassen, aber auch nicht einfließen lassen. Ein Ergebnis am Wochenende, egal ob es in diese oder die andere Richtung geht, beeinflusst aber maßgeblich die kommende Arbeitswoche. Bei mir ist auch so, dass ich mit der Kampfmannschaft und den Young Violets zwei Profimannschaften habe. Das muss man schon so sagen! Die hat man zu dirigieren und zu lenken. Wo es um Prozesse geht wie Trainerteam, Spieler usw. Ich schaue mir natürlich auch am Wochenende, aber das ist jetzt ein anderes Thema, die Akademiespiele an. Was den Damenfußball angeht, befinde ich mich mit dem sportlichen Leiter dort auch in einem sehr regen Austausch. Du musst budgetäre Dinge immer wieder mitbeachten. Jetzt habe ich schon breit ausgefächert, was alles angestreift wird und über meinen Tisch sozusagen wandert, bei dem Themenkomplex.

Sportreport: Wieviel Öffentlichkeit, wieviel Medien, wieviel „social Media“ darf man als Sportdirektor eigentlich an sich ranlassen?
Ralf Muhr: Medien sind für mich wirklich wichtig! Ich sehe es, dass ich jeden Journalisten auch als externen Experten ansehe. Dieser Austausch ist für mich daher sehr wichtig. Das ist mein Zugang zu dem Thema. So wie ich jetzt mit Ihnen spreche, übrigens weiß ich, dass Sie einen anderen Blickwinkel auf die Materie haben, ohne dass wir uns jetzt gut persönlich kennen. Was ich zu 100 Prozent akzeptiere und respektiere. Mir ist dieser Austausch sehr wichtig. Er muss ehrlich und transparent sein im Umgang. Ich will mich da nicht im „Phrasenschweinsprüche-Bereich“ mit euch austauschen. Was sind die Ideen und wie wurden sie umgesetzt? Warum sind diese dann gut oder schlecht verlaufen? Dass man das ergründet und analysiert und dann auch Lösungen parat hat. Das ist für mich wichtig!

Die Social Media oder die angesprochene Foren-Thematik, versuche ich nicht zu 100 Prozent an mich ranzulassen, wenngleich es nicht gelingt. Da bin ich auch ehrlich! Erstens werde ich nach einem verlorenen Spiel der Kampfmannschaft genauso bombardiert mit Emails. Die sind teilweise beschimpfend, diffamierend und sehr untergriffig. Das muss ich auch erstmal verarbeiten. Da musst du auch deine Strategien entwickeln. Wenn ich merke, dass da eine fundierte Kritik dahintersteckt dann versuche ich es auch zu beantworten. Das habe ich teilweise auch gemacht. Man kann aber auch nicht jedem Rede und Antwort stehen! Das sollte auch klar sein. Weil der Tag hat nur 24 Stunden! Aber ich stelle mich dem schon! Mit der anonymisierten Kritik kann man nicht umgehen. Aber es macht immer etwas mit einem! Dass man sagt „das nehme ich emotionslos zur Kenntnis“ gibt es nicht! Das muss ich schon zugeben. Es ist aber „Part of the Job“ anscheinend, wie man so schön sagt. Man muss damit umgehen und Strategien entwickeln.

Sportreport: Etwas gehässig formuliert ist die Position des Sportdirektors bei einem Profi-Sportverein so ziemlich die undankbarste Position. Man übernimmt einen Verein, wenn es sportlich nicht läuft. Nach der Amtsübernahme hat man seine Ideen und setzt sie um. Aber genau das dauert Zeit. Oft merkt man die Umsetzung erst nach mehreren Jahren. Schafft man in der Kürze der Zeit keine Trendumkehr ist man der Buh-Mann. Die Performance des Sportdirektors wird von Medien und den Fans hinterfragt. Läuft es, ist der Sportdirektor gefühlt der „uninteressante Mann“ im ganzen Verein. Ist es undankbarer Job oder in Wahrheit gerade deshalb ein sehr reizvoller Job?
Ralf Muhr: Sie haben es super zusammengefasst! Es trifft beides zu! Es war der Auftrag an mich Dinge im sportlichen Bereich aufzubrechen. Das ist in der Phase auch bereits passiert. Es geschieht aber unter der Wahrnehmungsgrenze der Öffentlichkeit! Es braucht Zeit, wenn man Dinge wie eine medizinische Abteilung, eine sportwissenschaftliche Abteilung neu aufstellt. Eine Scouting-Abteilung neu konzertiert. Diese Übergänge, diese Kommunikationsebenen die es auch betrifft. Das ist alles schön gesagt, dass uns der Nachwuchs oder die Akademie interessiert. Aber du musst Prozesse einleiten, dass es auch wirklich passiert. Du musst alle mit ins Boot nehmen. Auch mit deinen Ideen, bei denen aber trotzdem jeder Trainer auch seine Qualität miteinbringen kann. Das ist ja auch das Entscheidende! Dass es zu einem Wechsel auf der Position kommt, ist meistens dadurch bedingt, dass eine Unzufriedenheit da war. Das ist bei der Austria nichts anders gewesen. Wenn es dann nicht gleich so läuft, was die Ergebnisse oder die Performance der Kampfmannschaft angeht, steht man in der ersten Reihe fußfrei in der Schusslinie. Auch ohne für bestimmte Dinge etwas „dafür zu können“. Egal ob es Kaderplanung ist oder Trainer- bzw. Personalentscheidungen. Trotzdem muss man voll dahinterstehen. Das tue ich auch und stelle mich auch! Mit den Möglichkeiten die man aktuell hat, gilt es bestmöglichen sportlichen Erfolg zu haben.

Was Sie sagen stimmt, aber ich würde trotzdem reizvoll vorne hinstellen. Ich spüre die Verantwortung. Der stelle ich mich sehr gerne. Auch für die vielen Mitarbeiten hier im Verein. Nicht nur die im Sportbereich hier tätig sind. Ich will einfach das Maximale für den Verein herausholen. Es gilt die zu Recht hohe Erwartungshaltung zu erfüllen. Wenngleich muss man auch hier etwas aufbrechen und sich öffnen die „round about“ passieren. Früher war die Situation im österreichischen Fußball etwas beschränkter. Da war alles auf die Wiener Großvereine fokussiert, das hat sich jetzt alles geöffnet. Gerade wir, die Vereine die einen hohen Druck eine hohe Erwartungshaltung haben, müssen innovative Wege gehen. Wir müssen langfristige Konzepte und Strategien fahren.

Sportreport: Wir persönlich kennen uns aus Zeiten der Youth League. Ralf Muhr hat seit dieser Zeit das öffentliche „Branding“ des positiven, freundlichen Mitmenschen. Als Sportdirektor muss man aber auch salopp gesagt „ein Arschloch“ sein. Wie einfach oder wie schwer fällt das?
Ralf Muhr: (überlegt kurz) Für mich ist es nicht wirklich schwer mich charakterisieren würde. Weil es darum geht Entscheidungen zu treffen im Sinne des Erfolges! Dem stelle ich mich gerne. Das mache ich auch! Das habe ich in meiner Zeit als Akademieleiter gemacht und habe ich auch schon jetzt in meiner Zeit in dieser Funktion als Sportdirektor, als technischer Direktor, bewiesen. Wenn ich von etwas überzeugt bin wird mir diese Entscheidung, egal ob es eine personelle oder eine inhaltliche ist, werde ich sie machen. Aber man muss das Mittelmaß finden zwischen Glaubwürdigkeit, der eigenen Überzeugung und nicht irgendwelchen Aktionismus betreiben oder populistische Aktionen machen. Das aktuelle Beispiel: Nur weil wir 5:1 in Salzburg verloren haben muss ich mich nicht vor die Mannschaft stellen und ihnen „ins Leben steigen“. Du musst analysieren wie es dazu gekommen ist. Was haben wir im Vorfeld gemacht, was waren die Voraussetzungen, wie war eben die Strategie. Was war am Ende gut und schlecht? Das muss man gemeinsam, in diesem Fall mit dem Cheftrainer ergründen. Er ist es dann der das gleiche mit der Mannschaft und so umsetzt! Es gab schon auch Phasen in dieser Saison wo ich, mit dem Cup-Aus beim GAK zum Beispiel, es klar gegenüber der Mannschaft thematisiert habe was aus meiner Sicht falsch gelaufen ist! Wir haben schon auch einige Themen in der Saison gehabt wo man klar Richtlinien aufzeigen musste!

Sportreport: Wie viel an Emotionen darf man aus dem Job mit nach Hause nehmen?
Ralf Muhr: Ich habe wirklich das große Glück, dass ich daheim eine Frau und Kinder habe die das auch mitleben. Die auch nichts anderes kennen seit es mich in dieser Funktion oder in anderer Konstellation gibt (schmunzelt). Die Austria ist daher ein zentrales Thema! Man muss aber schon immer versuchen zu sagen, dass es trotzdem „nur ein Job“ und am Ende „nur“ Fußball ist. Es ist aber definitiv der schönste Job, weil es eben Fußball ist. Ich tue mir schwer es nicht mit nach Hause mit zu nehmen. Meine Befindlichkeitsschwankungen werden auch mit nach Hause getragen. Das kriegt mein persönliches Umfeld schon sehr mit. Da muss ich schon sagen, dass ich eine gute Unterstützung habe was das betrifft. Aber sie leben das einfach auch voll mit. Sie leiden auch freuen sich aber dementsprechend, wenn es positiv ist.