Hans Kleer, Vienna
Hans Kleer, Vienna

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Zum Auftakt der Frühjahrssaison blickt die Vienna voller Zuversicht nach vorne. Nach intensiven Wochen der Vorbereitung wurde im Winter gezielt an einigen Stellschrauben gedreht, sportlich wie personell. Cheftrainer Hans Kleer konnte erstmals eine komplette Vorbereitung mit der Mannschaft absolvieren. Der Coach sieht sein Team gut gerüstet für den Frühjahresstart und den Auftakt am Freitagabend zu Hause im Topspiel gegen den SKN St. Pölten (www.1894.at/tickets). Im Interview spricht er über die Lehren aus dem Herbst, die Weichenstellungen im Winter und die Ziele für ein positives und erfolgreiches Frühjahr.

Hans, du hast die Mannschaft mitten in der Saison in einer schwierigen Phase übernommen. Wie hast du deine Rückkehr erlebt und wie bewertest du den Herbst aus sportlicher Sicht?

Die Rückkehr an meine alte Wirkungsstätte hat mich sehr gefreut. Die Vienna hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt und verfolgt klare Ziele und Visionen. Als ich übernommen habe, war die Situation sehr angespannt und viel Negativität in der Mannschaft. Der Druck, der aus diesen hohen Erwartungen entstanden ist, war in allen Bereichen spürbar und hat sich auch auf die Mannschaft ausgewirkt. Wir sind dadurch in keinen positiven Lauf gekommen, vor allem zu Hause konnten wir kein Momentum aufbauen und haben zu viele Punkte liegen gelassen.

Welche Erkenntnisse hast du aus dieser Zeit mitgenommen und was hat sich seither bereits verbessert?

Uns wurde klar, dass wir im Winter den Kader adaptieren müssen. Wir haben gezielt nach hungrigen Spielern mit Führungsqualitäten und Mentalität gesucht. In der Winterpause haben wir deshalb gezielt versucht, hier Korrekturen vorzunehmen. Wir wollten einen Reset machen und haben uns auch von gewissen Spielern getrennt, die nicht in unser Anforderungsprofil gepasst haben. In dieser Hinsicht ist die Zusammenstellung der Mannschaft viel besser geworden.

Welche Rolle spielen Mentalität und Teamchemie im Vergleich zur reinen Qualität?

Fußball ist ein Mannschaftssport, in dem es längst nicht mehr nur um individuelle Qualität geht. Mit der richtigen Mentalität und einer funktionierenden Teamstruktur kann man vieles kompensieren. Natürlich braucht es auch Qualität in bestimmten Bereichen, aber ohne Mentalität und Teamfähigkeit wird es im modernen Fußball immer schwieriger, erfolgreich zu sein. Das sieht man auch auf internationaler Ebene.

Können diese Faktoren gerade in der zweiten Liga, in der es sportlich sehr eng zugeht, den Unterschied machen?

Absolut. In der 2. Liga sind die Spiele eng und ausgeglichen. In den entscheidenden Momenten machen aber genau diese Faktoren den Unterschied. Wie tritt eine Mannschaft als Einheit auf? Wie verhält sie sich in Drucksituationen am Platz und in der Kabine? Teamfähigkeit und Charakter sind hier essenziell.

Du hast mit dem Team nun auch deine erste komplette Vorbereitung absolviert. Welche Schwerpunkte habt ihr in der Wintervorbereitung gesetzt und welche Fortschritte konntest du erkennen?

Die Schwerpunkte lagen im Spiel gegen den Ball, insbesondere das Pressing, Zweikampfverhalten und Gegenpressing. Darüber hinaus haben wir intensiv an Standardsituationen gearbeitet. Im Spiel mit dem Ball standen der Spielaufbau sowie das Spiel in der letzten Zone im Fokus. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Integration der neuen Spieler sowie die Teamentwicklung, dafür war das Trainingslager in Belek sehr wertvoll. Hier auch nochmal ein großes Danke an unsere Partner und Sponsoren, die das ermöglicht haben. (hier gehts zum Trainingslager-Tagebuch)

Wie haben sich die neuen Spieler eingelebt?

Sehr gut. Mit Marco Gantschnig konnten wir einen Spieler verpflichten, der von Beginn an eine Führungsrolle übernommen hat. Florian Prohart bringt viel Erfahrung aus der 2. Liga mit und ist sowohl offensiv als auch defensiv im Mittelfeld eine klare Bereicherung für unser Spiel. Meguru Odagaki sorgt für mehr Variabilität in der Offensive. Er ist technisch stark, abschlussstark und auch menschlich ein großer Gewinn für uns. Max Mergner bringt eine hervorragende Ausbildung von Bayern München mit und konnte seine Qualitäten bereits zeigen. Wir sind überzeugt, dass alle Neuzugänge auch langfristig sehr wertvoll für den Verein sein werden.

Spürt man eine neue Energie oder Aufbruchsstimmung in der Mannschaft?

Ja, definitiv. Wir haben die Winterpause bewusst genutzt, um den Herbst mental abzuhaken. Durch die Veränderungen im Kader ist am Trainingsplatz eine neue Energie spürbar. Die Testspiele verliefen positiv, und mit Spielern wie Gantschnig und Prohart ist auch in puncto Mentalität frischer Wind in die Mannschaft gekommen. Zudem haben unsere jungen Eigenbauspieler im Winter große Entwicklungsschritte gemacht und werden im Frühjahr ihre Chancen erhalten.

Wie ist der aktuelle Stand bei den verletzten Spielern?

Monschein, Rusek, Szerencsi und Edelhofer sind wieder ins Mannschaftstraining zurückgekehrt. Hier müssen wir individuell entscheiden, wann erste Einsätze möglich sind. Ungar und Alozie werden leider noch länger ausfallen.

Wofür soll die Vienna im Frühjahr stehen?

Wir wollen für ehrlichen, intensiven Fußball stehen. Unser Ziel ist es, hoch zu pressen, den Ball schnell zurückzuerobern und zielstrebig nach vorne zu spielen. Mit Ball wollen wir geduldig bleiben, Lösungen finden und in der letzten Zone konsequent und mutig auftreten, um den Gegner zu knacken.

Was wäre für dich persönlich ein erfolgreiches Frühjahr und wo siehst du noch Entwicklungspotenzial?

Durch die Kaderreduzierung und die damit verbundene Verjüngung steht für mich im Frühjahr vor allem im Vordergrund, wie wir unsere Spiele gestalten. Entscheidend sind unser Auftreten, unsere Leistung über die gesamten 90 Minuten sowie die Bereitschaft, in jedem Spiel alles auf dem Platz zu lassen. Gelingt es uns, dieses Leistungsniveau konstant abzurufen, bin ich überzeugt, dass wir auch tabellarisch einen Schritt nach vorne machen werden. Entwicklungspotenzial sehen wir in allen Bereichen, insbesondere jedoch in der letzten Zone sowie bei offensiven Standards.

Mit welchem Gefühl startet ihr auch ins Frühjahr und welche neuen Ziele habt ihr euch als Team für das Frühjahr gesetzt?

Mit einem sehr guten. Die neuen Spieler sind gut integriert, die Harmonie innerhalb der Mannschaft stimmt und die jungen Spieler haben sich stark weiterentwickelt. Sie sind echte Optionen für die Rückrunde. Gegen St. Pölten sind wir Außenseiter, wollen aber überraschen. Auch haben wir uns intern Ziele gesetzt, die wir im Frühjahr erreichen möchten.

Du hast es schon kurz erwähnt, zum Frühjahrsauftakt wartet ein Topspiel gegen den SKN St. Pölten auf der Hohen Warte. Wie groß ist die Vorfreude?

Die Vorfreude ist sehr groß. Es ist immer etwas Besonderes, wieder vor den eigenen Fans im Stadion zu stehen. Ich hoffe auf eine tolle Unterstützung, auch bei kalten Temperaturen. Natürlich wollen wir zeigen, dass wir die Inhalte aus der Wintervorbereitung auch im Ligabetrieb umsetzen können.

Welche Bedeutung haben solche Spiele für das Selbstvertrauen?

Erfolgserlebnisse und Selbstvertrauen sind im Sport enormer wichtig. Umso wichtiger ist ein positiver Start für den weiteren Saisonverlauf. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die Mannschaft inzwischen deutlich besser in der Lage ist, mit Rückschlägen umzugehen.

Welche Rolle spielen die Fans auf der Hohen Warte?

Die Rolle der Fans ist bei so einem Traditionsverein wie der Vienna sehr groß. Unsere Fans sind unglaublich sympathisch und haben uns auch im Herbst auswärts stark unterstützt. Leider konnten wir ihnen sportlich nicht immer das zurückgeben, was sie verdient hätten. Das wollen wir im Frühjahr ändern. Unser Ziel ist es, auf der Hohen Warte wieder zu einer echten Heimmacht zu werden.

Was macht einen Spieltag auf der Hohen Warte für dich besonders?

Das Ambiente ist einfach einzigartig. Die Fankultur ist für 2.-Liga-Verhältnisse außergewöhnlich und macht die Arbeit als Trainer hier ganz besonders.

Was macht die Arbeit bei der Vienna für dich persönlich aus?

Fußball ist mein Leben und ich bin sehr dankbar, diese Rolle bei einem Verein mit großen Ambitionen übernehmen zu dürfen. Wenn man, so wie ich, sowohl als Spieler als auch als Trainer Teil dieses Vereins war, entsteht eine besondere Verbindung. Ich möchte meinen Beitrag leisten, um die Ziele der Vienna zu erreichen.

Wie wichtig ist Identifikation mit dem Verein für langfristigen Erfolg?

Sehr wichtig. Wenn man sich wirklich mit einem Verein identifiziert und ihn nicht nur als Arbeitgeber sieht, bringt man automatisch mehr Engagement und Emotionen ein. Das setzt zusätzliche Energien frei und ist entscheidend, um sich langfristig wohlzufühlen. Arbeit sollte, unabhängig von sportlichen Ergebnissen, auch Freude machen.

Welche Rolle spielen Geduld und Realismus im Umfeld eines Traditionsklubs, spezielle wenn es einmal nicht wie gewünscht läuft?

(lacht) Tradition bedeutet auch, dass es in der Vergangenheit große Erfolge gab. Daraus entsteht eine gewisse Erwartungshaltung. Oft blickt man nur auf die positiven Erinnerungen zurück und vergisst die schwierigen Phasen. Damit hat jeder Traditionsverein zu kämpfen. In einer leistungsorientierten Gesellschaft lassen sich diese Erwartungen letztlich nur mit Ergebnissen managen

Warum lohnt es sich gerade jetzt, ins Stadion zu kommen und diese Mannschaft live zu sehen?

Weil wir ein anderes Gesicht zeigen werden, mit neuer Intensität und starkem Teamgeist. Zudem gehen wir den Weg mit jungen Eigenbauspielern, die für zusätzliche Identifikation mit dem Verein und unseren Fans stehen. Gerade in dieser Situation brauchen wir unsere Fans, um in entscheidenden Momenten gemeinsam zusätzliche Energie freizusetzen

Was motiviert dich täglich und welche Botschaft möchtest du den Fans mitgeben?

Die täglichen neuen Herausforderungen im Fußball, besonders die Arbeit mit einer Mannschaft und jungen Menschen, die meine Leidenschaft für dieses Spiel teilen und gemeinsam erfolgreich sein wollen, motivieren mich enorm. Die Fans dürfen sich auf ehrlichen, intensiven und zielstrebigen Fußball freuen. Ich verspreche, dass die Mannschaft in jedem Spiel 100 Prozent geben wird.

Presseinfo
Vienna

16.02.2026